Eindrücke vom 92. Espranto-Weltkongress in Jokohama, August 2007
Seit der Ankunft unserer Kinder auf
diesem Planeten sind Reisen kompliziert und natürlich auch teuer geworden und
wenn, dann hat es uns in den letzten Jahren halt meistens nach Kuba zu unserer
Familie gezogen. Als ich nun aber erfuhr, dass der Esperanto-Weltkongress
dieses Jahr in Jokohama stattfinden sollte, da war mir einfach klar, dass wir
hier dabei sein mussten. Und so begann ich vor meiner Familie schon einmal
davon zu träumen, dass es dann schliesslich keiner allzu grossen Überredungskunst
mehr bedurfte, als wir erfuhren, dass JAL für Kongressteilnehmer den Flug ab
Zürich für nur 720 Euro anbot. Zudem lassen sich die Reisen an Esperanto-Kongresse
immer mit den Aktivitäten meiner Firma verbinden. Also gab es eigentlich keinen
Grund mehr, noch zu zögern.
Japan – von diesem Land hab ich schon lange geträumt. Ja schon als ich ein kleiner Junge war, schwärmte mir mein Vater von Japan. In unserem Wohnzimmer hing ein seidener Wandbehang mit einem Gemälde vom Berg Fuji von Hokusai und so war mir klar, dass ich irgendwann in meinem Leben diesen Berg erklimmen würde.
Den Tipp unserer japanischen Nachbarin befolgend erstanden wir bei JAL für die ganze Familie vor der Abreise einen Japan-Railpass, das ist ein Generalabonnement für 2 Wochen für die Eisenbahn in ganz Japan, und im Internet konnte ich für unsere Familie im Hotel Isesakicho Washington in Jokohama zwei nicht allzu kostspielige Zimmer buchen. Das Hotel erwies sich als sehr freundlich, sauber und gut und der Breitband-Internetanschluss im Hotelzimmer, auf den ich als Geschäftsmann und Kongressteilnehmer nun einmal angewiesen war, war wie alle anderen Extras im Zimmerpreis inbegriffen (da können unsere Schweizer Hoteliers einiges dazu lernen … 5 Franken für eine mickrige Viertelstunde werden einem in Interlaken abgeknöpft …).
Gehen wir aber der Reihe nach: Den ersten Eindruck von der japanischen Gastfreundschaft und dem japanischen Service bekamen wir bereits beim Umsteigen in Frankfurt. Wir hatten uns eigentlich schon auf eine Odyssee durch Frankfurts Riesenflughafen mit der Magnethochbahn eingestellt, als wir beim Aussteigen aus dem Flieger in Frankfurt völlig unerwartet von einem Mitarbeiter der JAL in Empfang genommen und durch das Frankfurter Flughafenlabyrinth an das richtige Gate zum Weiterflug nach Narita geleitet wurden. Der Flug über ganz Russland und Sibirien schien ewig zu dauern und an Schlafen war nicht wirklich zu denken. Eingepfercht zwischen meinen beiden Töchtern, war die Stellung alles andere als bequem. So kamen wir dann ziemlich gerädert am nächsten Abend auf Tokios Flughafen Narita an. Da hiess es dann Zollkontrolle passieren – die japanischen Zöllner unterschieden sich dabei in Miene und Gestik kaum von den kubanischen, schweizerischen oder jenen der USA. Aufgefallen sind mir lediglich die weissen Atemschutzmasken, die etliche der japanischen Zollbeamten trugen. Nun ja Zollkontrollen sind mir überall auf der Welt ein Gräuel und ich träume von dem Tag, an dem solche Kontrollen dereinst allenfalls noch für interstellare Reisen in andere Sonnensysteme erforderlich sein werden.
Nachdem wir die Zöllner hinter uns
gelassen hatten, kamen wir uns dann allerdings tatsächlich wie Aliens von einem
fernen Stern vor. Alles war wunderschön angeschrieben – aber eben mit
japanischen Schriftzeichen und 23 Jahre Schulbildung halfen mir da überhaupt
nicht weiter: In Japan waren wir schlicht und einfach Analphabeten. In den zwei
Wochen unseres Japanaufenthalts habe ich mir dann mit der Zeit immerhin die
beiden wichtigsten Schriftzeichen merken können, nämlich diejenigen für
Toilette … (Die öffentlichen Toiletten Japans sind übrigens schon allein ein
Aufenthalt im Land wert: Noch nie hatte ich mich ohne zu zögern auf einem
öffentlichen Klo hingesetzt. Aber in Japan ist das kein Problem. Alles tadellos
sauber und hygienisch. Und gratis. Keine 2 Fr. wie einem McClean in Zürich
abknöpft, für eine WC-Schüssel, auf die ich mich notabene niemals zu setzen wage
…) - Aber nicht nur mit der Schrift hatten wir Probleme. Die Verständigung war
schlicht und einfach unmöglich. Wenn man der weltweiten US-Propaganda glaubt,
dass Englisch die Weltsprache sei, dann wird man spätestens nach der Landung in
Japan eines Bessern belehrt. Weltsprache Englisch – das ist eine totale
Illusion, ja man kann schlicht und einfach feststellen, dass die Anglisierung
der Japaner ein aussichtloses Unterfangen ist und Englisch als Weltsprache
offensichtlich untauglich und gescheitert ist. In Japan gibt es zwar seit dem
zweiten Weltkrieg ab der Unterstufe der Primarschule obligatorisches
Frühenglisch. Aber selbst am Flughafen in Narita trafen wir keinen einzigen
Bedientesten der auch nur einen einigermassen verständlichen Satz in Englisch
zustande brachte. Glücklicherweise war auf den Japanrail-Gutscheinen in Deutsch
beschrieben, wo wir diese gegen unsere Railpässe einzutauschen hatten und zudem
waren wenigstens die Piktogramme für Bahnschalter dieselben wie in Europa. So
kamen wir denn zu unseren Railpässen und mein Versuch, mich nach dem Fahrplan
für die Züge nach Jokohama zu erkundigen endete damit, dass mir die Dame am
Schalter unaufgefordert sogar die Plätze reservierte. Dann kam schon die
nächste Schwierigkeit, nämlich den richtigen Bahnsteig zu finden. Prompt
stiegen wir denn auch in den falsch Zug, der Stadt nach Jokohama nur in den
anderen Terminal des Flughafens fuhr und dort wurden wir von der Putzmannschaft
aus dem Zug geworfen. Mit viel Mühe konnten wir schliesslich mit Hand und Fuss
in Erfahrung bringen, dass dieser Zug nach der Reinigung dann aber tatsächlich
doch nach Jokohama fahren würde und so warteten wir und konnten nach zehn
Minuten wieder einsteigen.
Als äussert klug hatte es sich erwiesen, dass wir vor unserer Abreise in Zürich genügend japanische Yen eingetauscht hatten. Denn Geldwechsel ist in Japan eine ziemlich komplizierte und bürokratische Angelegenheit, wie wir später erfuhren. Barbezüge mit Kreditkarten an den Bancomaten und bei der Hotelreception erwiesen sich als unmöglich. Und so wären wir ohne Geld während der ersten Tage ziemlich unangenehm dran gewesen. Was dann funktionierte war die Postcard auf den Postämtern und das sogar zu einem absolut fairen Wechselkurs.
Da ich wusste, dass die meisten Schweizer Handys in Japan nicht funktionieren würden, hatte ich mir im Swisscomshop extra ein moderneres Gerät gekauft und die Verkäuferin hatte mir ausdrücklich versprochen, dass dieses in Japan funktionieren würde. Denkste! Die Dame im Swisscomshop hatte ganz offensichtlich keine Ahnung! Auch dieses Gerät war zu altmodisch um mit der japanischen Hightech mitzuhalten. Den Handyempfang konnten wir also mit unseren europäischen Steinzeitgeräten schlicht und einfach vergessen, auf dem japanischen Breitband-Mobilfunknetz taugt diese Technik rein gar nichts. Wenigstens erwies sich das neue Handy als ausgezeichnete Fotokamera. Die Bilder auf dieser Seite sind alle damit gemacht.
In Jokohama angekommen standen wir dann
mitten in einem Ameisenhaufen. Menschen, Menschen und nochmals Menschen und überall
Läden und Einkaufszentren. Alles wunderschön angeschrieben in zierlichen
japanischen Lettern … Piktogrammen sei Dank fanden wir schliesslich einen
Taxistand. Doch da kam dann schon das nächste Problem auf uns zu: Wir waren
vier Personen mit Gepäck – japanische Taxis sind wunderschön klein, wie fast
alle Einrichtungen für Menschen in Japan; mehr als drei von uns passten einfach
nicht in ein Taxi – also mussten wir zwei Taxis nehmen und hoffen, dass uns die
beiden Taxifahrer auch wirklich ins richtige Hotel brachten und wir uns dort wieder
trafen. Dummerweise hatte ich alles Geld während Nelida die Pässe hatte und
unser Fahrer fuhr natürlich prompt einen anderen Weg als jener mit Nelida. Vor
dem Hotel war es auch mit Haltemöglichkeiten für Taxis nicht gerade gut
bestellt, denn Platz, das ist in Japan ganz offensichtlich Mangelware! So
musste denn Nelidas Taxifahrer nervös im Halteverbot warten, bis der meinige
endlich über den viel längeren Weg über die Schnellstrasse endlich ebenfalls
eingetroffen war. Ich wollte den Taxifahrern beim Zahlen dann ein Trinkgeld
geben, das brachte mich in eine ziemlich peinliche Situation, denn die beiden
Fahrer lehnten dies energisch ab. Ich habe nachher von meinen
Esperanto-Freunden erfahren, dass Trinkgelder in Japan absolut unüblich, ja geradezu
eine Beleidigung sind. Man zahlt immer genau den Preis der angeschrieben ist –
es gibt kein
Feilschen aber eben auch keine
Trinkgelder.
Im Hotel angekommen bezogen wir dann unsere Zimmer und nachdem wir uns etwas erfrischt hatten, erkundigten wir die nähere Umgebung des Hotels. Wir hatten inzwischen einen ordentlichen Hunger und so zog es uns in eines der vielen Restaurants. Offensichtlich haben auch viele Japaner Mühe mit ihrer komplizierten Schrift, auf jeden Fall sind in fast allen Restaurants anstelle von Speisekarten die Menüs in Plastiknachbildungen im Schaufenster ausgestellt. So war den wenigstens hier das Sprachproblem gelöst. Die Geste mit dem Zeigfinger auf das entsprechende Bild oder Modell verstand man auch in Japan und wir bekamen so ein Essen, das nicht gerade wegkrabbelte, wenn man den Deckel vom Teller hob. Der japanische Curry erwies sich als äusserst schmackhaft. Die Portionen waren meist etwas klein, aber die Restaurants erwiesen sich fast überall als relativ preiswert. Für rund 1000 Yen, das sind ca. 10 Franken, bekommt man in den meisten Lokalen in Jokohama ein gutes Essen mit Getränk. Wasser und Grüntee werden übrigens in allen Restaurants gratis dazu serviert, ja sogar dann, wenn man überhaupt nichts konsumiert!
Service wird ganz gross geschrieben – ich denke jeder Schweizer Kellner sollte einmal drei Wochen in Japan Ferien machen, um zu lernen, wie man einen Gast auch behandeln könnte. Was man in Zürich an gewissen Orten erlebt, dass man zuerst eine Viertelstunde wartet, bis einem eine Speisekarte gebracht wird, weitere zehn Minuten bis die Bestellung aufgenommen wird, dann eine halbe Stunde bis das Essen kommt und dann nochmals zwanzig Minuten, bis nach der dritten Mal fragen die Rechnung kommt, wobei der Kellner dann gleich wieder wegläuft und man dann nochmals flehen muss, dass er dann auch noch einkassiert, ja so etwas wird ein Reisender in Japan mit Sicherheit niemals erfahren. Schon am Eingang wird des Lokals wird der Gast freundlich empfangen an einen Tisch geführt, wenn dieser nicht gefällt zu einem andern. Dann überreicht einem der Kellner die Karte und wartet, bis man etwas ausgesucht hat, nimmt dann sofort die Bestellung entgegen und wenige Minuten später stehen die frisch zubereiteten Speisen auch schon vor einem oder werden gar vor einem zubereitet! Und möchte man etwas, dann ist der Kellner beim kleinsten Zeichen zur Stelle.
Am 4. August, drei Tage nach unserer
Ankunft begann dann der Kongress. Wir fanden uns inzwischen schon recht gut in
Jokohama zurecht. 300 Meter von unserem Hotel gab es eine S-Bahn-Station der japanischen
Staatsbahn und da die Stadtbahnen in unserem Railpass inbegriffen waren,
benutzten wir natürlich vorwiegend diese und nicht die Metro. Das war auch die
bessere Art zu reisen, denn so sah man etwas von der Stadt und fuhr nicht
einfach unten durch. Der Kongress fand in dem halbmondförmigen Kongresszentrum
am Hafen neben dem Landmarkturm statt. Das Kongresszentrum ist mit dem
Landmarkturm über einen
Rollweg und
eine riesige Einkaufshalle verbunden. Im Kongress angekommen traten wir dann
wieder in eine andere Welt ein. Hier waren wir nun zu Hause, denn da strömte unser
kurrliges Esperanto-Völklein aus allen Ländern der ganzen Welt zusammen, viele
in ihre Nationaltrachten gekleidet, vom indischen Turban bis zu den westlichen
Jeans und zum Smoking war hier zu ziemlich jedes Outfit vertreten. – Ein
absoluter Kontrast zu dem im gleichen Haus stattfindenden Kongress über
Molokularchemie, wo nur steif gekleidete Herren in grauen Anzügen ein- und
ausgingen. Der Esperanto-Weltkongress ist eigentlich kein Kongress im
herkömmlichen Sinne sondern viel mehr ein buntes und multi-kulturelles Vielvölkerfestival.
Der Unterschied zu anderen Veranstaltungen lag aber darin, dass sich hier nicht
Deutsch und Japaner, oder Amerikaner und Kubaner, oder Vietnamesen und Inder
trafen sondern Menschen mit Menschen. Für mich hiess das aber natürlich vor
allem auch ein Wiedersehen mit zahlreichen Freunden aus der ganzen Welt, von
denen ich einige schon Jahre nicht mehr getroffen hatte. Als erstes ergatterten
wir uns unsere Kongressunterlagen mit den Namensschildern und dann begannen wir
uns bei den verschiedenen Buden und Ständen umzusehen. Pazifisten, Buddhisten, Christen,
Bahá’í, Fachorganisationen ja ein buntes Sammelsurium verschiedenster
Organisationen, die Esperanto für ihre Zwecke verwenden, waren hier vertreten.
Am nächsten Morgen stand dann die „solena inaŭguro“ auf dem Programm, wo zuerst einige Diplomaten wie der stellvertretende Stadtpräsident schöne Reden hielten. Angenehm überrascht hat mich die Tatsache, dass nicht nur der chinesische und vietnamesische sondern auch der Schweizer Konsul unter den Ehrengästen anwesend war. Immerhin waren wir aus der Schweiz einschliesslich unserer beiden Kinder mit einer Delegation von 18 Personen an diesem Kongress vertreten. Nach den „moŝtuloj“ wie man die VIPs in Esperanto nennt kamen dann die Vertreter der Landesdelegationen zur Begrüssung aufs Podium und da inzwischen an unseren Kongressen fast 100 Länder vertreten sind, nimmt dieses Zeremoniell doch ein ziemliche Zeit in Anspruch. Endlich war dann auch der Vertreter von Zimbabwe abgetreten und nun sangen die fast 2000 im Saal anwesenden Kongressteilnehmer die Esperanto-Hymne „En la mondon venis nova sento …“.

Natürlich nutzten wir nebst dem Kongress die Zeit auch ausgiebig für Stadt- und Einkaufsbummel in Jokohama und Tokio. Wer von Jelmoli in Zürich beeindruckt ist, der wird nach einem Besuch von Takehashi oder Sogo in Jokohama wohl erschlagen sein. Der ganze Jelmoli hat im Soga auf einer einzigen Etage Platz, aber davon gibt es nun 14 nach oben und 3 nach unten. Allein die Fischabteilung füllt ein halbes Kellergeschoss mit hunderten von Ständen und das Erstaunlichste dabei ist, dass in der Luft nicht der geringste Hauch von Fischgeruch liegt. Drei Stockwerge Handtaschen und Accessoires und und und … 14 Paar Schuhe haben meine Damen während der zwei Wochen in Jokohama eingekauft …
Doch Jokohama hat auch eine ganz andere Seite, eine chinesische nämlich. Östlich vom Hafen erstreckt sich über einen guten Quadratkilometer die chinesische Stadt und hier ist man plötzlich in einem anderen Kontinent. Drachen und Löwen säumen hier alle Hauseingänge und die Eingänge zur chinesischen Stadt werden durch wunderschön geschnitzte bunte Tore markiert. Die chinesischen Läden und Restaurants in diesem Teil Jokohams stehen in vollkommenem Kontrast zum übrigen Stadtbild. Es herrscht hier auch eine völlig andere Mentalität und überall wird Chinesisch gesprochen. Auch die Preise sind ein ganzes Stück höher als im übrigen Jokohama und statt der leichten japanischen Kost werden hier währschafte chinesische Gerichte in ziemlich reichlichen Portionen serviert. Was allerdings auch hier gilt ist der japanische Service, denn die zahlenden Gäste sind doch vorwiegend Japaner.

Am Sonntag nach dem Kongress bestiegen wir dann den Shinkansen, das ist Japans Superexpresszug, gegen den sich alle Schweizer Züge wie lahme Pferdewagen aus dem Mittelalter ausnehmen. Wenn im Bahnhof ein solcher Zug mit 360 km/h an einem vorbeibraust, dann bleibt man doch ziemlich beeindruckt stehen, auch wenn das ganze Spektakel nur ein paar Sekunden dauert. Kaum werden die Scheinwerfer am Horizont sichtbar, ist das gewaltige Gefährt auch schon da und braust dann mit dem Luftdruck eines Orkans an einem vorbei. Du kannst kaum auf zwei zählen und da sind die achtzehn Wagen auch schon wieder ausser Sichtweite.
In weniger als einer Stunde gelangten wir so in die südlich von Jokohama gelegene Stadt Fuji, von wo aus uns ein Bus in einer zweistündigen kurvenreichen Fahrt zur 5. Station am Hang des gewaltigen Vulkankegels brachte, der sich über der Stadt Fuji direkt vom Meersspiegel aus auf 3750 Meter in den Himmel erhebt. Der heisse Sommer hatte den weissen Gipfel den ich vom Hokusai-Bild meines Vaters kannte, dieses Jahr allerdings vollkommen abgeschmolzen. Von der 5. Station aus ging es dann nur noch zu Fuss weiter. Was uns auffiel war die Tatsache, dass auch die Touristen hier fast nur Japaner waren, ausser am Kongress und am Flughafen sahen wir in Japan eigentlich fast keine Ausländer. Wir Schweizer hätten wohl auf diesen Berg längst einen Sessellift oder eine Zahnradbahn gebaut, aber den Japanern ist der Berg offensichtlich heilig und so muss, wer hier nach oben will, halt eben wohl oder übel auch bei der brütenden Sommerhitze seine Füsse gebrauchen – und dies im Land des Shinkansen. Der einzige Trost: Je höher wir stiegen, umso kühler wurde es. Für den Gipfel reichte es dann allerdings nicht. Da müsste man wohl auf halber Höhe im Matratzenlager übernachten. So machten wir uns dann nach der sechsten Station auf 2500 Metern nach einem Rast wieder auf den Abstieg. Der Berg schläft offensichtlich seit dreihundert Jahren einen tiefen Schlaf, dennoch konnten wir aus seinem Innern beständig ein dumpfes Grollen hören, als ob er tief drinnen eben lebt, um irgendwann wieder gewaltvoll auszubrechen. Da mein betagter Vater die lange Reise nach Japan wohl nicht mehr in Angriff nehmen wird, liess ich es mir nicht nehmen ihm einen Stein vom Berg Fuji mitzunehmen, frei nach dem Motto: „Wenn Mohammed nicht zum Berg kommt, dann kommt der Berg eben zu Mohammed …“
Ja und dann kam auch schon der 15. August und der hiess eben Abreise – zurück nach Europa, heim in die Steinzeit, dahin, wo die Uralttechnologie der Swisscom wieder funktionierte.
© Dietrich Michael Weidmann